Von Österreich nach Österreich, von Süd- nach Nordtirol.

3 Biographien und ein bisschen Geschichte.

 

Habsburg

Mein Großvater wurde 1886 in Bozen geboren. Bozen war damals Teil des Habsburgerreiches, das bis zum Gardasee reichte. Er war also Österreicher. Seine Vorfahren kamen aus der Gegend von Venedig, daher auch der italienische Familienname. Mein Großvater konnte aber bis ans Ende seines Lebens kaum Italienisch sprechen.

Im ersten Weltkrieg musste er an die Front nach Norditalien, um gegen die anstürmenden italienischen Truppen zu kämpfen. Vorher hat er noch schnell geheiratet und ist der sozialistischen Bewegung beigetreten. Von Beruf war er Schneider, also ohne besondere Ausbildung außer der Pflichtschule. Er verteidigte einerseits sehr leidenschaftlich die Habsburger Monarchie gegen die Italiener, andrerseits war er bis zu seinem Tod ein kompromissloser Anhänger der Sozialisten.

Das überraschende Ende des 1. Weltkriegs bestand darin, dass die Italiener noch in den letzten Tagen einige Gebiete besetzten, welche vorher die k+k-Truppen erobert hatten. Damals herrschte halboffiziell schon Waffenstillstand. Die Folge war, dass im Friedensvertrag von Saint Germain (1919) der südlich des Brennerpasses gelegene Teil von Tirol Italien zugesprochen wurde. Dieser Kriegsausgang führte dazu, dass aus dem in Bozen lebenden Kaiserjäger Rudolf Giacomuzzi plötzlich der in Bolzano wohnende italienische Schneider Rodolfo Giacomuzzi wurde.

Mit zunehmender Macht der Faschisten wurde auch Großvaters Widerstand stärker. Oft wurde er, wenn ranghohe Faschisten in Bozen zu Besuch waren, in Vorbeugehaft genommen.

Ein Abkommen zwischen Mussolini und Hitler (Berliner Abkommen 1939) machte es möglich, dass Rodolfo Giacomuzzi 1942 mit seiner Familie Bozen verlassen konnte/musste und nach Innsbruck auswanderte. Innsbruck gehörte damals, nach dem Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich (1938), bereits zur so genannten „Ostmark“. So wurde aus dem ehemaligen Kaiserjäger zunächst ein Italiener und schlussendlich ein „Reichsdeutscher“. Seiner sozialistischen Überzeugung aber blieb er auch weiterhin treu.

Als er nach dem 2. Weltkrieg ein viertes Mal die Staatsbürgerschaft wechselte,  wurde er wieder zu dem, was er bei seiner Geburt war: ein Österreicher, ein Tiroler.

Allerdings hatte das Österreich seiner Geburt mit diesem Österreich nicht mehr viele Gemeinsamkeiten: ein völlig anderes politisches System, eine neue Staatsgrenze. Auf dieses Österreich aber, auf seine Neutralität und die in der Verfassung beschriebenen sozialistischen  Werte, war Rudolf Giacomuzzi stolz. Er starb im Dezember 1973 in Innsbruck.

 

Faschismus und Nationalsozialismus

Mein Vater, auch er heißt Rudolf Giacomuzzi, wurde 1917 in Bozen geboren. Auch er kam als Österreicher zur Welt. Nach dem 1. Weltkrieg wurde natürlich auch er Italiener und musste die italienische Volksschule besuchen, da die Faschisten den Deutschunterricht verboten hatten. In so genannten „Katakombenschulen“ lernte diese Generation illegal die deutsche Muttersprache. Rodolfo Giacomuzzi musste der faschistischen Jugendorganisation „Balilla“ beitreten. Eine sozialistische Grundeinstellung bekam er von seinen Eltern vermittelt, doch bestimmten andere Faktoren, wie Reiselust, Abenteurertum, der Wunsch nach dem „schnellen, vielen Geld“ viel stärker seinen Charakter. Er entwickelte sich bald zu einem „schwarzen Schaf“ in der Familie. Als Uhrmacherlehrling blieb er bis 1942 in Bozen, ging dann mit seinen Eltern nach Innsbruck, wurde damit auch Reichsdeutscher und sofort der Wehrmacht unterstellt.

Die meiste Zeit des Krieges verbrachte er in Norwegen und Finnland, über einige Stationen seines Soldatenlebens spricht er nicht. Die Nazis hatte er gehasst, besser verachtet, aber er sagt auch, dass er bis zu den Nürnberger Prozessen nicht an die schrecklichen Taten der Nazis geglaubt hatte.

Nach dem Krieg, während der Besatzungszeit der Alliierten, war er in Innsbruck Mitglied einer Schmugglerbande, hauptsächlich ging es dabei um Zigaretten. Er wurde dafür zu 3 Jahren Gefängnis verurteilt, flüchtete aber, bevor das Urteil vollstreckt wurde, 1948 nach Bozen. Dort lernte er meine Mutter (über die eine ähnlich komplizierte Chronik zu schreiben wäre) kennen, die er 1950 heiratete.

Um seine Staatsbürgerschaft hat er sich nie mehr gekümmert, weshalb er bis zu seinem Tod 2003 deutscher Staatsbürger mit Wohnsitz in Italien war. Je älter er wurde, desto wichtiger wurde für ihn ein sehr individuelles Bild von Österreich, mit dem er sich immer mehr identifiziert. Deutscher? Nein, Deutscher sei er keiner, aber Österreicher, ja, das sei seine Identität.

Als ich ihm erklärte, dass unsere Tochter Gabriella heißen soll, sagte er, das sei ganz schlecht: „Das klingt ja ganz italienisch.“ Als ich ihm darauf erwiderte, Giacomuzzi sei auch kein typisch deutscher Name, sagte er, das sei was völlig anderes. (Unsere Tochter heißt jetzt Daniela.)

So ist auch mein Vater am Ende seines Lebens zu dem geworden, was er zu Beginn gewesen war: ein Österreicher. Dass er keinen österreichischen Pass besaß, war für ihn nicht wichtig. Etwas vom Wichtigsten, das er uns Kindern zu vermitteln versuchte, ist die fast naive Respektlosigkeit jeglicher Behörde und allen bürokratischen Instanzen gegenüber. Italiener, Deutscher oder Österreicher bin ich, wann und wenn ich es will und nicht irgendwelche Beamten.

 

Nicht- und Post-Moderne

Ich wurde 1955 in Bozen geboren. Da mein Vater deutscher Staatsbürger war, war auch meine erste Staatsbürgerschaft die deutsche. Mit drei Jahren kam ich, da meine Eltern kaum Zeit für uns Kinder hatten, zu meinen Großeltern nach Innsbruck, also nach Österreich, nach Nordtirol. Dort blieb ich bis zum siebten Lebensjahr und besuchte auch die erste Klasse der Volksschule. Dann erkrankten meine Großeltern gleichzeitig, woraufhin meine Eltern beschlossen, mich wieder nach Bozen, also nach Italien, nach Südtirol zu holen. Ich hatte als Kind nie das Gefühl, wegen der deutschen Staatsbürgerschaft irgendwelche Nachteile zu haben. Als männlicher Jugendlicher war das im Gegenteil eher ein Vorteil, da man als „Auslandsdeutscher“ keinen Militärdienst leisten musste. Vom italienischen Staat wurde nur verlangt, dass man sich innerhalb eines Jahres nach Erreichen der Volljährigkeit entscheidet, ob man die ausländische Staatsbürgerschaft behalten oder die italienische annehmen wolle.

Volljährig wurde man damals in Italien mit 21. Da ich keinerlei Interesse hatte, ein ganzes Jahr Krieg zu spielen, wollte ich natürlich Deutscher bleiben. Ansonsten fühlte ich mich aber weder als Österreicher, schon gar nicht als Deutscher und nur gelegentlich als Italiener. Auch Tiroler waren wir keine richtigen. Wir wurden dazu erzogen, uns als Südtiroler zu fühlen und das taten wir auch.

Als ich 20 war, kam ein neues Gesetz, das das Volljährigkeitsalter von 21 auf 18 heruntersetzte. Ich hätte mich also zwischen 18 und 19 für die deutsche Staatsbürgerschaft entscheiden müssen. Aber zu dem Zeitpunkt, als dieses neue Gesetz in Kraft trat, war ich schon 20. Bald darauf erhielt ich dann auch den amtlichen Bescheid darüber, dass ich ab nun italienischer Staatsbürger sei. Meine deutsche Staatsbürgerschaft konnte ich weiter behalten: ich konnte beweisen, dass ich die italienische Staatsbürgerschaft nicht freiwillig angenommen habe, sondern dass sie mir aufgezwungen worden war. So lebte ich knapp 10 Jahre lang mit zwei Reisepässen.

In der Zwischenzeit war ich nach Innsbruck gezogen, um dort zu studieren. Innsbruck war Nordtirol, war Österreich: Leute, die nur eine einzige Sprache verstehen, eine schreckliche Küche und die Freundlichkeit so hart und hoch wie die Berge. Hier war ich zum ersten Mal so etwas wie „stolz“ auf meine Nationalität. „Nicht-Österreicher-sein“ war kein schlechtes Gefühl. Nach Abschluss des Studiums musste ich den Militärdienst in Italien absolvieren. Wahrscheinlich aus Bequemlichkeit konnte ich mich nicht zum Zivildienst entschließen. Ich war damals 26. Und in diesem einen Jahr bei den italienischen Gebirgsjägern habe ich das letzte Vertrauen an nationale Identitäten verloren.

Nach dem Militärdienst beschloss ich, endgültig in Innsbruck zu leben. Vor allem wegen der Berufsaussichten als Germanist suchte ich um die österreichische Staatsbürgerschaft an. Ich bekam sie 1982 ohne größere Probleme, musste dann aber auf die deutsche und italienische Staatsbürgerschaft verzichten.