ein schreiberling und dessen sprache

 

zugegeben, eine etwas unmoderne formulierung. da jedoch die moderne schon uralt ist und die postmoderne auch bereits nach dem geplätscher durch die metropolen in fernen meeren angekommen zu sein scheint, kann die unmoderne vielleicht durchwegs etwas zum aktuellen modernismus beisteuern.

ist vom schriftsteller eigentlich noch zu sprechen? wenn der autor wirklich tot ist, sollte ich doch lieber ein anderes thema gewählt haben. aber wie das öfters so ist:

 

hallo, peter, hast du keine lust. aber natürlich, ich freue mich… und das thema? ja, irgendwie schriftsteller und sprache… gemacht? gemacht.

 

man landet also beim thema. ganz selten gelangt man selbst dorthin. wird meistens hingeführt, hingezogen, und weiß oft selbst nicht, warum man auf dieser hochzeit eingeladen ist und bei jener trauerfeier, jedoch bei so vielen anderen, wo es weitaus interessanter und dem individuellen habitus um einiges angemessener wäre, niemand deine/meine abwesenheit zu bemerken scheint.

 

“schriftsteller” assoziiere ich immer und schnell mit “bittsteller”, was in der tat wohl gar nicht so falsch sein mag, auf die eigene existenz bezogen jedoch allemal zu einer etwas geduckten körperhaltung führt, die mir eigentlich doch zuwider sein sollte.

 

der “autor”. das klingt natürlich schon weitaus besser. “autorität” (die gesunde natürlich) und “autonom”, aber auch des mannes fahrwerkzeug klingt mit, da ist doch klar, mit welchem wortgewand manfrau sich heute bekleiden.

 

nun ist es aber so, dass roland barthes und seine jünger just den autor haben sterben lassen, der schriftsteller geistert irgendwo in den niederungen der vergessenheit, als schreiber, der solange lebt, als er eben gerade beim schreiben ist, und nach diesem tun wieder ganz normal als vater, bauer, arbeiter, präsident oder sonst was weiter leben kann. der schreiber/schriftsteller ist also zu einem part-time, nein –job ist das keiner, eher ein gärtnerberuf, nebenerwerbsbauer geworden.

 

meine sprache bin ich. oder komplizierter: die pluralität meiner spracherfahrungen konstituieren mein sein, mein da-sein. oder auch: im anfang war das wort (anfang johannesevangelium). da fühlt sich das menschsein bei mir immer sehr ausgeschlossen. anfang, wort, gott. und wo bleib ich dabei? zugegeben, man muss ja nicht überall immer von anfang an dabei sein, aber hier ist ja die rede auch um mich, wenn die rede von gott ist.

 

es war in mir kein weiterkommen, wenn es sich um die sprache drehte. es dreht sich immer noch alles.

 

wenn die sprache etwas ist, wovon man als kind nicht respekt, sondern angst hat, dann wird man auch in der reife und erst rech beim faulen dieses gefühl, unsicheres gelände zu betreten, nicht mehr los.

 

mein erstes sprechen? ich weiß es nicht mehr. die erinnerung setzt hier erst ein, in innsbruck. ein opa, ein lieber, eine oma, eine strenge, eine tante, selbige kriegswitwe. da war ich, da habe ich sprechen gelernt. beim opa das schweigende (mh, hmmmmmm), bei der oma das argumentierende (iss nicht so schnell, sonst hast du bald nix mehr), bei der plappernden tante hab ich wenig gelernt, da war das schweigen vom opa beeindruckender. wenn er aber besonders wütend geworden war, mein schneideropa, dann wurde er zum tobenden lama und spuckte in lamasprache, den rotz weit und tief von unten holend, in richtung seiner tochter, meiner tante. so lernte ich dann auch diese sprache, und im hof konnten wir kinder dann weitspucken üben. ein sprechen über rotz. rotzlöffel schimpfte mein opa mit mir. mein opa jedoch war ein weiser mann und wollte sich nicht so oft über seine tochter ärgern, weshalb er sich, anstatt zu spucken, oft auch nur eine zigarette anzündete, marke austria 3, was dann beide frauen, oma wie tante, derart erzürnte (willsch in bua vrgiftn?), dass der alte herr erhobenen hauptes die enge küche verlassen konnte.

 

mit opa las ich in brehms tierleben, abends erzählte er mir geschichten. erinnern kann ich mich nur noch an eine, aber auch nicht an den inhalt, sondern nur an etwas unbestimmtes: drei hunde, die irgendeinen helden beschützten. so oft habe ich das gehört, und nicht mal mehr die geschichte ist im kopf geblieben. dafür kann ich sie noch fühlen, weiß noch genau, wie ich mich an den opa sacht anlehnte auf dem engen grünen, ausziehbaren sofa in der küche, und während ich gespannt seiner stimme zuhörte, betrachtete ich fasziniert mittel- und zeigefinger seiner rechten hand, die vom vielen rauchen schon ganz gelb geworden waren.

 

sonst gab es damals noch nichts zu lesen. ich war den ganzen tag im hof und spielte. dass ich keine eltern bei mir hatte, war mir nicht bewusst. ich hatte ja oma und opa und die tante, das war ja schon mehr als bei den meisten anderen kindern. zwei bis dreimal pro jahr kam meine mutter zu besuch, zwei mal, während der langen sommerferien und zu weihnachten, wurde ich nach südtirol gebracht. im sommer, von juni bis ende september zusammen mit opa und oma zu irgendeinem bauernhof in der umgebung von bozen, sommerfrische. die sprache der bauern dort war der vom opa sehr ähnlich. und ich lernte die sprache der tiere kennen. kühe, schweine, hunde. auch die sprache der spielchen mit dem dings da unten wurde mir dort beigebracht. viele kinder, viel zu lernen. nur vor der sprache der bauern, wenn sie an sonn- und feiertagen betrunken waren, war mir angst und bange, mir schien es, als konnte ich ihre rohe gewalt in ihren zu lauten stimmen beim kartenspiel spüren.

 

zu weihnachten bei den eltern und der schwester. eine fremde heimeligkeit. alles jedes mal neu und doch so vertraut. die mutter, die schöne, der vater nur selten zu sehen, die schwester so groß, dass ich ihr hingebungsvoll wie ein störrischer hund zu diensten war. italienisch war mir fremd, die walschen, sagte der opa, sind nix gscheits, und was der opa wusste, musste gültigkeit haben. doch vater und mutter umgaben sich mit solcherlei geleut, auch die schwester plapperte mühelos in der anderen sprache, und ich war mir bald nicht mehr sicher, ob der opa etwas nicht richtig verstanden hatte, oder ob die eltern, meine eltern, nicht doch eher zu den verrätern zu zählen waren. freilich war mir nicht klar, welcher art dieser verrat gewesen sein sollte.

 

den ersten schultag in innsbruck verbrachte ich in der strafecke. wahrscheinlich nicht den ganzen, aber dies ist das einzige, was mir davon in erinnerung geblieben ist. der geruch von neuen plastikeinbänden und heften. milch in der pause. schönschreibhefte und der duft der wasserfarben, wenn sie aufgelöst in dem papier eintrocknen. eine neue schule mit einem saal für filmvorführungen. es war so schön wie nie etwas zuvor. aber da kann ich mich heute natürlich täuschen. wer kann sich denn schon gefühle konservieren? ich nicht. ich lüg mir ein paar geschichten zusammen, dass mir die biographie passt.

 

die freudige angst des abc-frischlings währte grad mal etwas länger als ein jahr. dann, bald nach dem beginn des zweiten schuljahrs, erkrankten opaoma. (eigentlich schreib ich ja selbst jetzt schon wieder erfundenes, weil opaoma niemals so geheißen haben, nie und nimmer. nonno und nonna, das waren ihre wortkleidungen, die ich ihnen mein ganzes enkelleben lang nie ausgezogen hatte.) nonno und nonna also, wodurch die geschichte um eine winzige kleinigkeit wahrhaftiger wird. sie wurden krank, schwer krank. die tante, auch der soll ihr name zurück gegeben werden, die tante mimi, die mich über alles liebte, die mich verwöhnte, die mich an stelle der kinder zu sich genommen hatte, die sie mit ihrem mann haben wollte, der aber nach der fronturlaubshochzeit nie mehr von der front zurück gekommen ist. nach ihrem tod hab ich all seine briefe vom krieg an sie fein säuberlich in einer kartonschachtel gefunden, auch jene von der tante an den toni, die zurück gekommen waren mit dem vermerk: empfänger vermisst. beim lesen schämte ich mich. die intimität war tausendmal stärker als… kein bild, das passt. auch bin ich abgekommen vom thema. bleiben sie beim thema giacomuzzi! deutsch-schularbeiten. begabt aber faul. von anfang an wars so. bis man es selbst glaubt und dann auch wird. in der ersten volksschule alles einser. aber in deutsch eine zwei.

 

aber ich war bei den kranken nonnis. tante mimi hatte ein friseurgeschäft, selbständig, weshalb sie auch schwarz wählte, in ihrem weltbild wählen musste, und sich nach nonnos überzeugung ein paar lamaspucker verdiente. nonno war überzeugter sozialist, theoretisch gefördert von nonna, die im haus und auch außerhalb die entscheidungen traf. tante mimi musste sich um das geschäft kümmern, dann um ihre erkrankten eltern, für mich war keine zeit mehr. es muss ihr schwer gefallen sein, “ihr” kind den richtigen eltern zurück zu schicken.

 

so kam ich nach bozen. am ersten schultag dort war wieder strafe angesagt. da ich auf die frage der italienischlehrerin keine antwort wusste (come ti chiami?), ließ sie mich vor der klasse, auf dem erhobenen brettersockel, auf dem das pult stand, eine ganze stunde lang knien. vielleicht warens auch nur 5 minuten. dafür war die nachbarin, die unter uns wohnte, eine seele von einer lieben frau. gemüsestandbesitzerin. italienerin. der mann alkoholiker, sie jeden tag, jahr für jahr, um 5 uhr morgens auf und frisches gemüse einkaufen und dann schnell zum stand. und mittagessen kochen und wieder zum stand und abendessenkochen und ins bett. sie hatte 2 kinder, etwas älter als ich. die sprachen kein deutsch, ich kein italienisch. ich habe wenig erinnerung an diese zeit. zu hause gab es nur eine italienische tageszeitung. dass dies meine italienischkenntnisse fördern sollte, habe ich erst viel später erfahren. vater war uhrmacher. nach dem abendessen ging er aus. jeden tag, solange ich in bozen war. das sollten dann 12 jahre werden. 12 jahre, jeden tag. manchmal kam er erst nach hause, wenn wir frühstückten. da war er immer nett und freundlich, taumelte ein bisschen, ein paar mal war die krawatte abgeschnitten, die haare zerzaust, mutter auf alle fälle sauer. wahrscheinlich zu recht. für uns kinder war es normal. nach dem abendessen waren wir zu dritt. ein paar jahre später, als auch mutter für eine bestimmte zeit immer ausging, waren wir zu zweit. erste freiheiten. “kinder, geht das auto suchen”, auch ein satz, der zum alltag gehörte. vater ging nie zu fuß. selbst hundert meter nicht, in der stadt. und nach den durchzechten nächten wusste er natürlich nicht, wo er es geparkt hatte. selbst wir kinder hatten das verstanden, und “auto suchen” war mindestens gleich spannend wie verstecken spielen. so lernte ich die stadt kennen.

 

zeitung und fernsehen waren meine italienischlehrer. juventus, inter, milan. darum rauften wir buben uns. kein bayern münchen und österreich gab es damals schon in der fußballwelt nicht. stan laurel und oliver hardy kannte ich als olio e stanlio, cartoni animati waren cartoni animati. das wort zeichentrickfilm kam erst viel später in meinen wortschatz. giro d´italia, aranciata, und alle schimpfwörter, ausschließlich auf italienisch. selbst die bauern in der sommerfrische, die kein wort italienisch konnten, konnten doch einige: schimpfwörter. vielleicht suggerierte das unterbewusstsein, dass ein fluchen in der sprache, die man nicht kennt, keine grobe gotteslästerung sei. die ganze heilige familie und alle heiligen mussten herhalten, um dem deutschen gemüt die möglichkeit zu bieten, ohne schlechtem gewissen dem pfarrer gegenüber, nach herzenslust zu fluchen. diesbezüglich hat sich bis heute nichts verändert.

 

ich wurde unbewusst und automatisch allmählich zweisprachig. allen politisch motivierten eingriffen zum trotz, ja nur die eine sprache als die rechte zu akzeptieren, als das, was uns ausmacht, als alleingültiges bollwerk gegen jede überfremdung, ja trotz allem, oder vielleicht gerade deswegen, war ich dann, als ich einige sommerferien lang an der adria verschiedenste jobs verrichtete, wirklich und wahrhaftig zweisprachig. ich träumte italienisch, ich dachte italienisch, ich hätte gerne auch auf italienisch geliebt, wenn mich damals meine gabriella bei venedig nur erhört hätte. dann wäre alles anders gekommen und wer weiß, wie es heute um mein deutsch stünde.

 

als getreuer sohn dieser heimat, die mir eigentlich eine fremde blieb, marschierte ich nach der reifeprüfung, wie alle anderen ochsen auch, ohne lange nachzudenken über den brenner, heim in die richtige oder rechte heimat. weil wer nach süden wanderte, in plötzlich fernste städte wie venezia oder firenze, riskierte, gleich nach salurn, wo die natur die heilige heimat durch eine felsenenge vom welschen feind zu schützen scheint, seine identität völlig zu verlieren, um schnurstracks zum italiener zu degenerieren. also innschpruck. die stadt mit der kehlkopfpolka. italienisch wurde zum alibi, zu dem, was einem von den einheimischen barbaren unterschied.

 

nonno und nonna waren inzwischen verstorben. die tante mimi nicht, aber auch die wohnung der nonni nicht, die billig war und deren hauptmieter ich wurde. (hier stimmt schon vieles wieder nicht, weil die nonna nicht verstorben war, sondern im altersheim. dies aber ist eine andere geschichte, weshalb wir uns hier frühzeitig von der nonna verabschieden) 600 schilling im monat, 65 quadratmeter, 3 zimmer, küche und bad. 1974. vor etwas mehr als 30 jahren. das wären heute rund 45 €. ich verlier mich in belanglosigkeiten und werde sentimental.

 

latein war nichts. nichts geblieben. zeitverschwendung. klassische präpotenz, vor-stärke. 8 lange jahre nur für schularbeiten. agricola laborat und puella cantat. ich würde es verbieten. auch heute noch. noch den geruch der letzten messen in dieser sprache im mund. „dominus, wo bisch du?“ „hintern altar scheißn“. so wehrten wir uns schon als kinder gegen die sprache gottes und wussten eigentlich nicht, warum wir darüber jedes mal so schadenfroh und heimtümelnd lachen mussten. für halbwüchsige hat diese sprache nur dazu gedient, sich die komplexesten systeme zum schwindeln bei den schularbeiten auszudenken. vielleicht ist das gemeint, wenn immer noch verkündet wird, latein fördere logisches denken.

 

innschpruck. ein ewiges hin und her. schnell weg, wenn es zu eng wird, und das wird es jedes mal, wenn der föhn die berge bis direkt an den rand der stadt schiebt. und sonst natürlich ein erlebnis. vor allem an wintertagen mit tiefdruck, wenn eine wunderschöne braune glocke aus abgasen, holz- und kohlebrand und sonstigem über den häusern hängt. bis hinauf zur hungerburg. dann weiß jeder die erklärung für die kehlkopfpolka. bei dem dorfcharakter wirkt alles etwas zuviel: ein viertel der stadt uni, 2 olympische dingsbums, weltstadt dann später gar, also bescheidenheit wird nicht groß geschrieben. sie bleibt klein, wahrscheinlich der hohen berge wegen. das studentenleben zur rechten zeit genossen. gsibergler enthoben uns der rolle der sprachproleten. diese dachten sich dasselbe von uns und somit waren alle befriedigt.

 

nach der akademischen ehre die nationale pflicht. ein jahr in italiens glorreicher armee. nonno war bei den kaiserjägern gewesen, der papa in der wehrmacht, ich jetzt als resultat der geschichte bei den alpini. viva l´italia! fürs gemüt und den charakter, falls es einen solchen gibt, eine katastrophe. für die sprache eine befreiung. dem italienischen wurde wieder raum gegeben, ganze bereiche im hirn wurden konvertiert.

 

„i´m going to l.a. and you?“ ich sitze zum ersten mal in einem großen flugzeug. singapore airlines. von zürich via singapore nach tokyo. neben mir meine frisch getraute vertraute. nie wollten wir. jetzt haben wir. halten uns die hände, nicht aus liebe sondern aus angst, aufregung. zwei jahre nach nippon. nur australien wär noch weiter weg gewesen. in der hektik der vorbereitung haben wir nicht und nie daran gedacht, uns mit japanisch zu beschäftigen. und ich merkte erst jetzt, neben diesem freundlichen amerikaner in 10.000 metern höhe, dass es vielleicht von vorteil gewesen wäre, englisch zu können. aber bereits am ersten tag in tokyo war diese erkenntnis vorerst einmal verdrängt. eingetaucht in ein lautmeer erstaunlicher töne und verwirrender zeichen. mit 30 zum analphabeten geworden mit der sprechkompetenz eines dreijährigen kindes.

 

die bedeutung des tons für das baby im bauch. gefangen in der ferne, im moloch, im sprachsalat. und wie dem fötus der muttersaft, war uns das fremde stets freundlich gewogen. verstehst du auch die welt nicht, brauchst du dich nicht zu sorgen, solang die sonne scheint. im fremden schwimmen. sprache als musik erleben. menschen sprechen sehen und hören und ihnen die bedeutung der dialoge in den mund legen, die ich selbst bestimme. so wurde ich zum beherrscher des inselreichs. als erster weißer kaiser von japan. der chrysanthementhron war meine unerreichbarkeit. niemand durfte mich verstehen. solcherart um- und ungepolt vergingen ein paar schöne jahre. es sollten dann 17 werden.

 

ich lerne eine neue sprache. ich lerne die neue sprache nicht. kann man eigentlich „nicht lernen“? wenn man täglich sich in dieser neuen sprache bewegt? und ist sprechen allein sprache? oder ist auch sehen sprache, tasten und riechen, hören und lieben? ich lerne japanisch. lange zeit mein eigenes. man versteht mich nicht, ich hingegen verstehe mich bestens. es ist wie beim ersten mal ski fahren: es bewegt sich etwas, das man noch nicht selbst ist. man wird gesprochen.

 

„lieben sie japanisch?“ „nein, eher französisch.“ „ohh!“ „?“ unser sprechen fußt auf dem prinzip des missverstehens. sie verstehen sich schweigend. das wärs. ist aber keinem gegeben. ein paar augenblicke im leben vielleicht. ansonsten der schwierige weg über all die falschen erwartungen zu einem ziel führenden dialog zu gelangen.

 

mein kaiser-dasein in tokyo begann also genau dann zu enden, als ich mich der sprache näherte. wie adam dem baum der erkenntnis seine aufmerksamkeit schenkte, so verbrachte ich meine zeit damit, seltsamen zeichen eine bedeutung und einen ton zu geben. verzweifelte versuche. das am vortag gelernte, war des nachts in die träume verschwunden. und wenn ich mir die bedeutung merkte, war die vertonung derselben vergessen. oder umgekehrt. alle uns bekannten japaner sprachen deutsch, oder englisch. sie wollten selbst ihre sprachkenntnisse anbringen, rieten uns dringend ab, sich das japanisch-lernen anzutun. also lebten wir weiter wie die babys. die affen von nikko. nichts sehen, nichts hören, nichts sprechen. nichts böses sehen, hören und sprechen. das war unser dasein im osten. die affen jedoch, die auch in den westen kamen, verloren das böse an sich und wurden in italien zum symbol der omertà, der schweigepflicht bei kriminellen und anderen vereinen. nichts sehen, nichts hören, nichts sprechen.

 

wer aber die sprache verliert, muss sich mit der liebe beschäftigen und so kam ich, im grunde ungeplant und unverhofft, zur vaterschaft von 2 kindern. und damit begann der diskurs des sprechens von neuem. die kleinen scherten sich einen deut um unsere inkompetenz und lernten die landessprache auf die natürlichste art und weise in der japanischen kinderkrippe. wir eltern hatten ein heftchen erhalten, worin die tanten und täntchen tagtäglich von der entwicklung unserer nachfahren berichteten. wär es nur darum gegangen, hätte sich wenig geändert.

 

das kinderkrippenheft wollte aber eine antwort. täglich. was hat das kind zu hause gemacht, was gegessen, wann eingeschlafen, wann aufs klo usw. da saßen wir zwei, noch ohne internet, nur ein wörterbuch und die kana-zeichen. ein zeichensystem, das im japanischen vor allem für die darstellung der grammatikalischen varietäten benutzt wird. den inhalt, den sinn, vermitteln die chinesischen zeichen. wir aber, weil ausländer und eben unbegabt, durften mit kana schreiben. stammeln. uns der peinlichkeit aussetzen.

 

so wurden wir täglich sehr wenig japanischer. ein paar kurse besucht. perfekt bis lektion drei, dann hätten wir lernen müssen, lernen und wiederholen. und vergessen. je älter wir werden, desto mehr müssen wir vergessen, um nicht zu vermodern. wie viel man vergessen muss, um das wenige der gegenwart zu behalten. den eigenen namen in der fremden schrift schreiben lernen. dann ist man tatsächlich ein anderer.

 

unser sprechen hat sich auf dieser insel von uns unbemerkt langsam verändert. „wiaso redn die kinder so komisch?“ fragte vater streng bei einem frontbesuch zu hause. und erst da wurde klar, dass wir in unserem japanischen alltag den dialekt verlernt hatten. wir sprachen standard, jene sprache, mit der wir auch geld verdienten. und die kinder lernten von uns eine sprache, die sehr an jene der bozner oberschicht erinnerte: gestelztes „dialekt vermeiden“. „hasch du auch schon so a schiache grippe gekriegt?“ da waren wir also verlustig geworden. sünder. verräter. vaterlandsschänder und mutterlandsmörder. da jedoch die länder von vater und mutter im laufe der geschichte sich so verändert haben, dass sie eigentlich nicht wieder zu erkennen sind, kann ich erhobnen hauptes und recht arrogant behaupten, dass mir sowohl das eine, wie das andere ziemlich schnurz ist. mein vaterland ist nicht „heil hofer“, da bett ich mich schon lieber in jandls wortsalat. „auch christus war ein österreicher, nicht nur...!“ mein gott, dio mio, wessen sprache sprichst du denn eigentlich und wirklich, wenn du so ganz allein mit dir?

 

die kinder bekamen, weil sie von uns das intelligente an sich geerbt hatten, schnell noch eine dritte sprache, englisch, und endlich gelangte auch ich in den genuss der globalisiererei: wie die pfingstigen himmelszungen rieselten wortsequenzen in aug und ohren und quasi über nacht und unbemerkt war ich des englischen mächtig mächtig.

 

zu viel. die sprachen begannen autonom im kopf zu tanzen. die worte paarten sich in wilder anarchie. ich betrog mich täglich aufs neue und versah dem babylonischen stimmenwirrwarr im schädel das qualitätsmerkmal „multi“. so kam es, dass wir nach 17 jahren bei fremden völkern wieder den weg in richtung heimat antraten. heim dot at.

 

bin ich nun diesseits oder jenseits des berges daheim? wenn der lange tunnel dann fertig ist, stellt sich die frage nicht mehr. ebenen geleises können wir dann dies- und jenseits vergessen und werden kriechend wie schlangen in der dunklen röhre leben. ein dauerbrenner. und nirgends daheim. also immer dort, wo ich nicht bin. dort fühl ich mich wohl. allein im auto spreche ich die wildesten gedichte und singe die leisesten opern. in der bewegung der vorbeifahrenden landschaft finde ich meine ruhe und die worte ihren platz im volumen des fahrzeugs. auto mobil. auto verbal. im fahren fallen worte aus dem mund, mit zunehmender geschwindigkeit, in zunehmender anzahl. schall. mauer und geschwindigkeit. dort sollte man hin. ist man aber erst dort, ist man nicht mehr.

 

als wir ausgezogen waren in die welt, hatten wir in der kleinen wohnung noch einen viertel-telefon-anschluss. jetzt haben wir vier handys. sichtbare zeichen der veränderung. mein sprachengewirr hat sich beruhigt. nicht entflochten. liegt unaufgeräumt in einer hinrspalte. heimweh. wonach? nach der ferne? nach der vergangenheit? alles fließt. wartest du aber am ufer des flusses bis ein liebes lebensbild wieder an dir vorbei treibt, wartest du auf dein ende.

 

den kindern wurde in der schule das vielsprächige bald ausgetrieben. deutsch? ja, geht. ein paar interferenzfehler noch, aber das kriegen wir schon hin. hingekriegt. der krieg ist aus. englisch wieder eine fremdsprache. vielfalt, einfalt. ist es das? wahrscheinlich nicht. so einfach kanns nicht sein. fuß fassen. gehen lernen. hinfallen. aufstehen. die kinder haben in drachenblut geduscht und sind die meiste zeit gewappnet. nur bei bestimmten formen von gerüchen sind sie wehrlos. der leichte duft des frischen ingwers neben rohem thunfisch, das soya in der hühnersuppe und essig in dem sushireis. da fallen sie um und werden ungefragt zu ihrem mutterbauch nach tokyo zurückgebeamt. in diesen kurzen augenblicken verstehen sie alles und noch mehr.

 

als erwachsener hat mans anders. wärst nicht weggelaufen, hättst nicht zurück kommen müssen. du wolltest das fahrrad? dann steig in die pedale! ein leichtes, hämisches grinsen immer im nacken. wahrscheinlich ists einbildung. nicht anschließen können, wo man aufgehört hat, weil man das aufgehörte nicht mehr findet und auch nicht weiß, wo es zu suchen wäre. also neu. wieder. anfangen zu verstehen. das sprechen, das schreiben. lernen zu vergessen um lernen zu können. platz schaffen in den speicherkapazitäten.

 

die erde ist rund. ein ball. ein spielball. wie lange geht so ein spiel? nicht 2 mal 45 minuten? eine pause wär jetzt angebracht, muss ja nicht mehr halbzeit sein. könnte einfach eine kurze unterbrechung sein, eine bank in der sonne, blauer himmel, das meer wär mir lieber als die berge, aber auch die wären willkommen. das sprechen ausziehen und wie eine weiche jacke neben sich auf die bank legen können.