gebt nichts                       nehmt alles                        mit                         ins grab

 

 

 

lommer. abfall

 

 

am stadtrand steht der recyclinghof. vor einigen jahren neu erbaut. effektiv. modern. die antwort der stadtregierung auf die anforderungen der zeit. müll. sonderabfälle. altes. unbrauchbares. wird gesammelt. weiter sortiert, wieder verwertet. die angestellten sind nicht mehr jene müllmänner aus der gründerzeit, als die welt noch arm und schmutzig war, die unrasiert, derb und mit wenig lust diesen niedersten dienst an der gesellschaft ausübten. das waren damals einarmige, einäugige. einfüßige. krüppel, die der krieg ausgespuckt hatte und die ihren platz hier im grenzbereich zwischen zivilisation und barbarei zu finden hatten. ungefragt. unbeachtet und von den kindern ängstlich beäugt. nein, hier war jetzt ordnung eingetreten. ordnung und modernes entsorgungsmanagement.

260117

 

 

die welt und die umwelt. wer so einteilt, hat den blick durch und über die dinge und muss nicht zweifeln, muss nicht grübeln, muss nicht lange nächte schwitzen, ohne diesen erlösenden lichten ausgang zu finden. es waren berge am stadtrand, oder auch nur sanfte hügel, oder gar nur ebenes, braches, karges land. dort jedenfalls gab es platz endlos viel, und hier war auch alles schon vorbereitet gewesen für die wiederverwertung, für sortieren und trennen, für vernünftige arbeitszuweisungen und endlösungen. hier war der ort für den abfall unseres lebens. die exkremente flossen unbemerkt in sickergruben, der rest kam hierher, hier, außerhalb der wohnanlagen, wo nichts gesehen, nichts gerochen wurde. wir haben etwas schönes geschaffen, das wir nicht beachten mussten. wir wussten, dass es gut war, und was gut war, war auch rechtens.

tonnen von abfällen, wieder verwertbare materialien brachten spezialisten und private auf eigene kosten hierher, überzeugt davon, dass das, was sie gerade verrichteten, auch vom lieben gott einst gewürdigt und entsprechend honoriert werden würde. mülltrennung war ein glaubensbekenntnis. warst du dafür, gehörtest du dazu. wer sich dagegen stellte, war feindlich gesinnt. subversive gab es allerdings sehr wenige, die ächtung war hart und gnadenlos. an wolkenlosen tagen lag das areal wie ein campingplatz in der landschaft.

310117

 

 

am eingang gibt es eine schranke. im kleinen wärterhäuschen daneben verrichtet der recyclinghofwart seine pflicht und kontrolliert eigenhändig jedes eintreffende fahrzeug. blick auf die rückbank, in den kofferraum, bei größeren automobilen, muss die ladetür geöffnet werden, das mitgeführte strandgut wird begutachtet und kommentiert. das hier in den großgerätecontainer, den tisch zum sperrmüll, und was ist das ? sondermüll. fragen sie die kollegen hinten im büro. so ging alles seiner ordnung nach und unzählige materialien wurden sortiert und nach von außen schwer nachvollziehbaren kriterien wieder zu neuen gruppierungen zusammengesetzt. alle wussten um die wichtigkeit des mülltrennprogramms, doch kaum jemand wusste genaueres zu bzw. interessierte sich für details. es musste nicht gefragt werden, da die ordnung eine einleuchtende und bei längerer betrachtung auch eine war, der man durchaus eine gewisse ästhetische qualität zusprechen konnte. im container mit alu-dosen z.b., ließ sich sehr leicht ein puzzle modernen designs lesen, wundervolle illustrationen zum anregenden getränkekonsum, froh, bunt, durchkomponiert und authentischer als jede gewollte installation in den modernen kunsttempeln. besonders beeindruckend waren die sondermüllregale. farben, medikamente, lacke. ihrer gefährlichkeit nach aufgestellt und vom charme des möglichen untergangs begleitet.

 

was eigentlich ist der unterschied zwischen wegwerfen und recyclen? auf der einen seite wird einfach weggedreht, unbeachtet, brauch ich nicht mehr, ab, tschüs, byby. nicht einmal mehr in den müll. einfach auf die straße, aus dem fenster. einfach ahoi. augen zu und auf nimmer wiedersehen. das ist wegwerfen. machen wir mit allem und allen. wasserleichen aus dem mittelmeer. oder gibt’s da einen ersoffenen-friedhof? erfrorenes und tiefgefrorenes balkanroutenfleisch (importverbot). wir lassens einfach liegen, und die politik sagt, dass das ein gutes zeichen sei. unser minister mit dem unglaublich langsamen augenaufschlag strahlt radioaktive kompetenz aus, das liegengelassene fleisch ist unser fortschritt. ein anderer wiederholt in endlosschleifen, dass man, und auf zuruf seiner huren auch frau, sich einfügen müsse in die notwendigkeiten des daseins, bis ein gottesmann dann doch den mut findet und sich zaghaft zu fragen traut, ob das mit dem leben und dem lieben nicht doch eher von gott usw. gott ist tot. so haben sich verirrte menschen auf den weg gemacht und richten und rechten mit donner und kanonen, anstatt mit verstand und herz. auch sie: wegwerfen, liegen lassen. da ein paar leichen, dort verkrüppelte kinder, frauen und auch männer, ja auch männer.

der recycler an sich macht das auch: wirft weg. aber geordnet, sortiert, mit zivilcourage. mit ziel und zweck. es soll eine freude sein, und gut und schön. so hat der hof seinen zweck und wir schlafen ruhig. die frauen machen die beine breit und die männer stoßen. wie die tiere. wenn es gut geht, nennen wir das liebe und lassen es zentrifugieren. gütesiegel, qualitätsüberprüfung, preis-leistungsverhältnis.

010217

 

 

all der müll am rande der stadt. er ließe sich auch locker als ein spiegel unseres seins lesen. spannend, bunt, fantasievoll und anarchisch im rohzustand, ordentlich, geschult und gemilitarisiert, sortiert und valutiert, aber eben doch auch sehr langweilig. schwanz zu schwanz und fut zu fut. oder wechselseitig. aber nichts anderes. und wehe der unordnung. schwanz, oh mein gott. fut, oh mein gott. alles, was nicht ins recyclingsystem passt, muss in den sondermüll. das verursacht kosten, das braucht zeit und energie.

 

die menschen im hof sind ein teil von ihm. sind ein teil des systems. wer sich nicht einfügt wird abgewiesen, ausgeschlossen.

020217

 

 

früher. ja, früher war alles anders. will nicht heißen: besser. aber eben doch anders. anders als heute. und heute ist echt scheiße. also wars früher automatisch besser. ganz egal, ob das jetzt in allen einzelheiten auch passt. aber früher war das leben entschleunigt. man war jung, hatte das leben vor sich, die träume auch. und wenn jemand das arschloch spielte, konnte man sich einfach umdrehen und seines weges gehen. oder drauf hauen und seines weges gehen. das blieb sich gleich. der weg, der war möglich, und gegeben. heute hingegen. alles drängt, drückt, alle in dieselbe richtung. keine freiheit mehr, keine hoffnung, wir werden gestoßen und geschubst, dem ende hin, zum ausgang, der keiner ist, sondern bloß der eingang zur hölle. das hab ich dann irgendwann auch gemerkt, dass das ich sich aufzulösen beginnt, und wir in dem brei des namenlosen altfleisches zu einem einheitsgatsch verschmolzen werden. je freier wir geworden sind, desto mehr wurden unsere möglichkeiten eingeschränkt, weil wir erkennen mussten, dass aus der endlosen vielfalt auszuwählen war, da wir zeitmäßig nur einen bruchteil davon in unserem kurzen leben bewältigen konnten. so war das. und heute sind wir echt bescheuert und glauben, dass so ein recyclinghof irgendeine bedeutung für unser leben hätte.

070217

 

 

den kindern wird gezeigt, dass batterien in einen besonderen container kommen. weil wenn nicht, dann ist die ganze umwelt in gefahr, und wir müssen alle sterben, und die welt ist dann kaputt. daher macht eine gute familie einmal im monat an einem samstagmorgen einen ausflug in den recyclinghof (sonntag geschlossen. auch müll braucht ruhetage). mutter zeigt papier, flaschen, sondermüll, wie medikamente, putzmittel, kleine elektrogeräte. vater ist für das grobe zuständig. wie im alltag auch. sie schnittblumen, er heckenschere. also sperrgut, bioschlamm aus dem ausfluss, äzende öle, alte vibratoren. und die kleinen sind fasziniert, sehen die ordnung, die sauberkeit, und sehen, dass es gut ist, und dass man nach so einem samstagmorgen beruhigt in das wochenende entlassen werden kann, in der schönen gewissheit, dass die welt so schnell nicht kaputt wird, und sie also noch eine weile kinder sein dürfen.

 

"hier will ich arbeiten", sagt der kleine. hier ist es so, wie es sich kinder vorstellen. alles hat seine ordnung, niemand streitet, alle befolgen die regeln. metall zu metall. glas zu glas. holz zu holz. staub zu staub. "hier will ich arbeiten", wiederholt der kleine. aber die großen werfen sich nur einen knappen achselzuckenden blick zu und achten mehr auf die ebenfalls den samstag vormittag nutzenden nachbarn, als auf die beruflichen vorstellungen des eigenen nachwuchses.

 

alles ist rohstoff. alles ist kreislauf. nichts geht verloren. nichts wird aus nichts geboren. der recyclinghof ist keine neue idee, auch kein muss. gäbe es ihn nicht, würde das zeug nur länger brauchen, bis es wieder mit neuem leben beseelt wird. aus der batterie wird ein leberblümelein. gott hat die welt nur ein einziges mal erschaffen. das reicht für eine irdische ewigkeit. alles andere ist gelogen und gefaket.

140217

 

 

wenn dir zum heulen ist, wenn du am rand stehst und das gefühl hast, das gleichgewicht zu verlieren, dann geh dorthin, geh zum hof, stöpsle dich voll mit deiner schönsten musik, ein chor, ein sanfter. und du wirst dich erinnern an den rauch, der hier aufgestiegen ist von deinen vorfahren. asche zu asche und staub zu staub.

in jenen tagen, als die welt noch in ordnung war

...

foto kz reichenau/recyclinghof

150217

 

 

warum eigentlich heißt ein kz kz? warum heißt es denn nicht kl? das wär doch klarer, hätte ich in der schule verstanden, hätte mich dann vielleicht interessiert. so aber. kz. das war der gleiche scheiß wie alles andere auch. schule eben. zum kotzen. wieviele menschen wurden im kz mauthausen von den nazis ermordet? ja, wieviele denn, du lehrerarsch? warst du dabei? und was bringts, dieses wissen? ein großvater war nazi, der andere sozi. nach dem krieg mussten sie sich arrangieren, mussten vor uns kindern liebe opas spielen. und hassten sich vermutlich wie die pest. wer ist denn besser? der nazi-liebe-opa, oder der sozi-liebe-opa? ist doch scheißegal. heute sind beide schon längst unter und in der erde. die frage ist irrelevant.

 

nicht weit weg vom haus hat man so eine aufblasbare tennishalle errichtet. weiß, groß, modern. ohne fenster. aber klimaanlage. für flüchlinge. dass sie nicht mehr flüchten. dass sie alle zusammenbleiben. dass keiner verlorengeht. ab ins heim. heim ins reich. heil und ganz angekommen. aufgegriffen. intergrigiert. wenn sie sich ordentlich benehmen, wenn sie nicht jeden tag die pissoirs mit klopapier verstopfen (die schweine), wenn sie ihre tampons und binden nicht immer ins klo werfen ohne zu spülen (die schlampen). dann brauchen sie nur ein paar jahre in den weißen wänden bleiben, bis sie geläutert sind und dann sehr dankbar, wenn sie eine feste stelle in genau jenem wc angeboten bekommen, das am anfang so versaut worden ist.

160217

 

 

und wenn du dann nachschaust, dann findest du auch tatsächlich kl und bei kz steht dann: nicht begründet, nicht erklärbar. ich gebe wo. was gibst du? kz? kz? wo? brauchen wir das alles noch? lager? konzentration? lol, wow, ups. das reicht. kein kz mehr. nein, nichts nichterklärbares mehr. es reicht. jeder sagt, was er will. und jeder versteht, was er will. jede auch. und jedes natürlich. geschlechtlich. gen der südländer. der große dichter? super, wenns dich anmacht, prof. aber bitte lass mich damit in ruhe. lesen ist für einhörner, nasenbohrer und politikerhassredenschreiber Innen. so ein scheiß und trotzdem: solange gebetet und nachgebetet wird, ist das wort gültig und der buchstabe mächtig. letter für letter muss alles richtig sein.

 

kz also. silicon valley. dort wird hochkonzentriert gearbeitet. rund um die uhr. lager kommt von liegen. ob das ein kz ist, werden wir in zukunft wissen. es ist aber nicht von belang. die apokalyptiker schweigen während der apokalypse. erst nachher wird erklärt. oder vorher orakelt. das schlimmste, am schrecklichsten, die meisten todesopfer, wie die tiere, ohne gewissen, hier, an diesem ort, wir, ich. nummer eins. negativ. aber: die absolute nummer eins! diesen posten lassen wir uns nicht nehmen. wir sind der abschaum. wir sind das letzte, die nachkommen der opfer, die nachkommen der täter. es ist egal. bleibt sich gleich. nur hie und da wär es schön, wenn wir die bürde absetzen könnten um uns auszuruhen. beim dorffest. beim staatsfest. beim weltfest. nicht immer denken müssen. das kz. das kl. wo geben.

200217

 

 

der könig des mülls ist reich. reicher als die meisten in der stadt. alles was wir wegwerfen nimmt er zu sich und schaut, was man daraus machen könnte. und da er könig ist weiß er, dass aus allem, das weggeworfen wird, etwas gemacht werden kann. das nichts ist ja auch filosofisch ein schwachsinn. erst recht hier, am recyclinghof, ist das ganze nichts anderes als das, was wir eben wegwerfen. pures geld. pures gold. du musst nur zugreifen, deine hände schmutzig machen. dann liegt alles vor dir, es stinkt vielleicht ein bisschen. aber ansonsten ist alles wie ein roher diamant.

 

hinterm hof war die lommer, ein haufen lebloser steine mit flair.

210217

 

 

die kinder waren manchmal dort. auf der suche nach den geheimnissen der welt. rostige nägel, ein paar leere konservendosen, glasscherben. damit ließ sich eine neue welt zusammenbauen. ein leben hinter dem vorhang. alice im wunderland.

220217

 

 

die lommer war nicht verboten. nein. aber sie hatte etwas unantastbares. es gab dort nichts. die abfälle der bauern waren nicht vorhanden. organisches fraß die sau. papier und holz wurden verbrannt. verschürt. zum kochen. zum wärmen. flaschen reichten eine handvoll zum nachfüllen. einmal pro jahr ging eine kaputt. die scherben wurden in die lommer gebracht. metalldosen gab es so gut wie keine. oder sie wurden gebraucht. zum aufbewahren alter nägel, nieten und muttern, von knöpfen und fäden und dem ganzen rest eines haushalts. so war also dort, wo das hinkam, was nicht mehr zu gebrauchen war, ein leerer raum, ein fast sakraler ort, dem sich die kinder mit einiger scheu und vorsicht näherten, in der leicht erregten erwartung, einen unbekannten schatz zu finden. und selten, aber immer wieder, fand man auch: staniolpapier einer schokoladetafel, eine von den jahren geschliffene scherbe. mit der ließen sich die sonnenstrahlen bündeln und die schönsten feuer entfachen.

230217

 

 

passt auf die viper in der lommer auf! auf den wurm! der war die personifizierte angst. der wurm. die schlange. viel gefährliches gab es auf dem hof ja nicht. ein stoßendes hinterbein der kuh beim melken. der sturz beim kalken der latrine. der blitz in den baum und dann in den mensch. dieser unbelebte steinhaufen mit den sündigen resten der hoffnung auf eine bessere zukunft. die lommer war kalt, sie war schattig, sie war das schwarze loch am hof. nicht weit weg vom wasser, von der quelle, vom brunnen. kinder, wasser holen! in jeder hand eine alte 1 l milchkanne, am brunnen randvoll füllen, die vielleicht 100 m zum haus waren an manchen tagen wie eine ewigkeit. pfifferlinge, steinpilze auf dem weg. fast jeden tag: schwammelen. mit knödel, mit plent, mit reis, mit nudel. kinder, gehts schwammelsuchen. in höchstens einer halben stunde war das mittag- oder abendessen gesammelt.

neben der lommer war die pleas. himbeeren. zwischen den steinen einer scheinbar aufgelassenen lommer aus den vorzeiten der landwirtschaft, wuchsen himbeerstauden zuhauf und krallten ihre stacheln tief in unsere kindlich weiche und unschuldige haut aus kurzer lederhose und schmutzigem leibchen. die viper auch hier. noch gefährlicher als in der lommer, weil die steine überwuchert, der wurm also meist unsichtbar auf dem von der sonne aufgeheizten gestein liegen und uns kinder bei der eernte und der verspeisung der verbotenen früchte gehörig furcht einflößen konnte.

070317